Was sind eigentlich “erfolgreiche” Führungskräfte? Nach meinen nunmehr fast sechzig Interviews komme ich zu der Einsicht: es sind Menschen, die das sehr gut tun, wozu sie auf der Welt sind. Und: sie besitzen eine Grundfähigkeit - sie sind PRÄSENT. D.h., sie besitzen innere Klarheit, wissen, in welcher Verfassung sie sind, haben das “Ego” zur Seite geräumt.

Für Dieter Klages, Inhaber eines erfolgreichen Softwarehauses, steht fest, dass jeder bereits als Kind weiß, was er im Leben erreichen soll. Aber dieses Wissen werde wieder verschüttet und es bedürfe in vielen Fällen eines externen Auslösers, um die eigene Mission oder Lebensaufgabe wieder zu finden. Jürgen Wehlend, Geschäftsführer eines Erfolgsprojekts im Bereich Telekommunikation, hat - zumindest auf des ersten Blick - eine eher pragmatische Philosophie: eine Vision oder Mission könne dazu gehören. In seinem Fall hatte er von dem zu schaffenden Unternehmen als Geschäftsführer eine klare Vision, die sich – wie er im Gespräch mit leichter Verwunderung bemerkt – auch tatsächlich sehr weitgehend umgesetzt habe.
Andere haben offenbar eine humanistische Lebensbegründung, wie sie beispielsweise von Lothar Zechlin, dem Gründungsrektor der Universität Duisburg-Essen im Interview beschrieben wurde; bereits früh habe er ein Bild gehabt, wollte etwas im politischen Bereich tun und gesellschaftliche Zustände aktiv beeinflussen: „Politisch wirksam sein zu wollen, das war meine Ausgangsmotivation, meine Ur-Motivation.“ Dieses klare innere Bild und Selbstverständnis war augenscheinlich prägend für alle Projekte in Zechlins beruflicher Laufbahn.
Bei der Findung und Pflege der eigenen Mission oder Vision haben fast alle der Interviewpartner, die sich dazu geäußert haben, spezifische Wege “ins Innere”. Zahlreich sind die Anhänger des Sports, hier häufig auch des Langstreckenlaufs. Aber auch Meditation, Yoga, TaKeTiNa und ähnliche Praktiken, die den Weg über den Körper nehmen, wurden genannt.
Ziel der Besinnung, des Abschaltens ist nicht nur die Regeneration, sondern vor allem auch, so meine Feststellung, der Ausbau der oben genannten Grundfähigkeit, präsent zu sein. Schon seit Jahren gibt es im Kontext von Organisations- und Personalentwicklung eine starke Beschäftigung mit diesem Themenbereich. Peter Senge hat sich mit “Personal Mastery” in dem Buch “Die 5. Disziplin” und, später, in: „Presence. Exploring Profound Change in People, Organizations And Society“ mit eben dieser Problematik auseinandergesetzt. Einer der Co-Autoren dieses Buches, der am MIT in Cambridge lehrende Deutsche Otto Scharmer, hat eine „Theory U“ dazu entworfen, die die Bedeutung und die Prozesse beleuchtet; der Untertitel des gleichnamigen Buches lautet „The Social Technology of Presencing“. Scharmer (und anderen) geht es darum zu klären, aus welcher inneren Verfasstheit Führungskräfte (und andere) Entscheidungen treffen, wie sie ein behinderndes „Ego“ aus dem Weg räumen um sensibel zu werden für einen schöpferischen Prozess, der den zukünftigen Möglichkeiten den Weg in die Gegenwart eröffnet.
Allerdings bedarf es dazu eines ganzen Bündels an sozialen, intellektuellen, emotionalen und empathischen Kompetenzen, wie Scharmer sehr anschaulich ausführt, um zum „Presencing“ (als Kunstwort aus sensing, erspüren, und presence, Gegenwart) als Führungskraft überhaupt in der Lage zu sein. Viele der von mir interviewten Führungskräfte besitzen offenbar zumindest Teile dieses Kompetenzbündels und sind fähig zur Präsenz – ob es ihnen nun bewusst ist oder nicht. Und mir sind zahlreiche Interviewpartner begegnet, die diese Grundfähigkeit besitzen – und wohl auch deshalb erfolgreich sind.